Er wachte auf. Sein Gesicht war nass von seinen Tränen. Er sah sich um, und die Erinnerung kam zurück. Sie waren in der alten Wohnung. Nicht im Haus. Seit fast drei Monaten lebten sie nun wieder hier. Es war nicht so schön, wie sie es gehabt hatten, aber sie hatten einander, und nur das zählte. Es war fast, als wären sie wieder in ihr altes Leben zurückgekehrt, doch das stimmte nicht. Die Wohnung war dieselbe, und doch war alles anders. Die Möbel – ein wildes Durcheinander, gespendet von Verwandten und Freunden. Auch Kleidung, Geschirr und der andere Kram waren Leihgaben.

Sie hatten alles verloren. Aber das, worum er im Schlaf geweint hatte, war seine Familie. Sie hatten alle überlebt, aber sie waren nicht mehr dieselben. Dabei hätten sie es allmählich wieder werden können. Um einen Traum ärmer zwar, aber dennoch… Was ihr Gleichgewicht mehr erschüttert hatte als der Brand, war das Verhalten von Tobi. Sie alle hatten sich bemüht, wieder zum Alltag zurückzukehren, doch ihrem Ältesten gelang dies nicht.

Tobi, der Lebendige, der laut und temperamentvoll durch das Lebensprang. Nun ein ernstes, trauriges Kind. Unsicher, in sich gekehrt. Aber erschütternd war vor allem die Art, wie er ihnen begegnete. Eigentlich gar nicht mehr. Natürlich aßen sie zusammen und redeten. Er ging zur Schule, er ging mit in den Gottesdienst. Doch es war, als sei der Zwölfjährige nicht wirklich in seinem Körper anwesend. Die Last, die er trug, saugte das Leben und die Freude aus dem Sohn heraus.

An dem Abend, der alles verändert hatte, waren sie bei Freunden eingeladen gewesen. Als sie sich von den Kindern verabschiedet hatten, hatte er noch scherzhaft zu Tobi gesagt: „Und du, mein Großer, pass mir auf unser neues Schlösschen auf! Und hab ein Auge auf unsere Schätze, mein Schatz!“ Tobi hatte die Hacken zusammengeschlagen und „Zu Befehl, euer Gnaden!“, geschnarrt. Tobi, Leona und Benni hatten in der erleuchteten Haustür gestanden und ihnen zum Abschied gewinkt. Von ihrem neuen Haus aus, ihrem Traumschlösschen. Eineinhalb Jahre hatten sie jede freie Minute in ihr Haus investiert. Urlaube waren gestrichen. Das große Ziel stand an erster Stelle. Und seit zwei Monaten lebten sie nun endlich hier. Im Grünen, idyllisch und ruhig, stand ihr wunderschönes, eigenes Heim.                                                                                                                                  Kathrin, seine Frau, hatte sich behaglich in den Autositz gekuschelt und geseufzt: „Ach, geht es uns gut. Ein schöner Abend mit Freunden, leckeres Essen, ein guter Wein, und danach ab nach Hause in unsere geliebten eigenen vier Wände zu unseren drei kleinen Räubern!“

Gegen einundzwanzig Uhr kam dann der Anruf. Unter Schock fuhren sie zum Haus. Schon von Weitem sahen sie, dass der Schaden groß war. Um das Haus herum standen Nachbarn und Schaulustige. Die Feuerwehr war noch dabei, den Brand zu löschen. Kathrin taumelte aus dem Auto und rief nach den Kindern. Da standen Tobi und Leona, in Decken gehüllt und völlig benommen. Der kleine Benjamin war ins Krankenhaus gebracht worden. Er hatte eine leichte Rauchvergiftung erlitten. Kathrin fuhr sofort hin, um in der Nacht bei ihrem Jüngsten zu bleiben. Am nächsten Tag waren sie entlassen worden.

In ihrem Haus konnten sie nun nicht mehr wohnen. Es hätte komplett neu gebaut werden müssen. Sie konnten in ihre alte Wohnung zurück. Noch in derselben Nacht nahm der Vermieter, ein Freund, sie wieder auf. Von allen Seiten wurde ihnen Hilfe zuteil. Mahlzeiten, Möbel, Kleider wurden gebracht – Geschenke und Leihgaben.

Der Schockzustand wich von Woche zu Woche immer mehr und Ernüchterung kehrte ein. Die Versicherung zahlte, doch es reichte nicht, um noch einmal neu zu bauen. Ganz abgesehen von der Kraft, die ihnen dazu gefehlt hätte.                                                                Er hatte sich mit Kathrin beraten. Dann hatten sie sich mit den Kindern hingesetzt und geredet und ihnen alles erklärt. Dass sie ihren Traum von dem Haus erst einmal aufgeben mussten. Dass sie auch nicht wussten, ob sie es noch einmal schaffen würden. Dass sie unendlich glücklich waren, dass ihnen allen nichts passiert war. Sie hatten immer und immer wieder mit den Kindern über die Geschehnisse der Nacht gesprochen, so wie man es ihnen geraten hatte. Keine Schuldzuweisung.                                                  Die Kinder hatten die Kerzen angemacht, als sie zu Abend gegessen hatten, und hatten vergessen, sie danach zu löschen. So etwas konnte passieren, keiner hatte Schuld.               Es war ein Unglück.                                                                                                                                                  Die Kleinen, tief beeindruckt von dem Geschehenen, sprachen viel über den Brand, malten Bilder von Gebäuden, die in Flammen standen, und Menschen, die herausliefen. Doch sie fanden schnell wieder in den Alltag zurück. Ihr Lachen, ihre Spiele, ihr Streiten, war bald wieder wie gewohnt zu hören. Nur ab und zu, abends vor dem Schlafen, thematisierten sie den Verlust des Hauses und trauerten um ihre verbrannten Spielzeuge.

Ganz anders Tobi. Auf Tobi lag eine Last. Er hatte sich von Anfang an schuldig gefühlt. Schließlich hatte er als Ältester die Verantwortung für die Geschwister und das Haus gehabt. Das hatte er gesagt bei ihrer ersten Begegnung an dem Abend, als das Haus abbrannte. Er hatte geweint und gesagt, wie leid es ihm täte. Besonders hatte er wegen Benni gelitten. Was wäre gewesen, wenn Benni etwas Ernsthaftes passiert wäre? Weil er, Tobi, nicht richtig aufgepasst hatte… Sie hatten ihm versichert, dass alles gut war. Dass solche Dinge passieren konnten. Dass er nicht an allem schuld war, nur weil er der Älteste war. In ihren Gesprächen blieb er still und zurückhaltend. Nie klagte er über den Verlust seiner persönlichen Dinge oder über die begrenzten Verhältnisse, in denen sie nun lebten. Still und zuverlässig verrichtete er seine Aufgaben im Haushalt.

Tobi war nicht mehr Tobi. Und das war das Schlimmste: sie hatten Tobi verloren. Er war noch da, doch er war unerreichbar für sie geworden. Er hatte eine besondere Beziehung zu seinem Sohn gehabt. Eine tiefe Bindung seit dem Tag, an dem Tobi geboren wurde. Er hatte sich gefreut an dem Temperament und der Lebensfreude seines Sohnes, an der Unbeschwertheit, die er selbst nicht kannte, sich aber immer gewünscht hatte. Er genoss es, dass sein Sohn so sein durfte, und er hatte sich geschworen, alles zu tun, dass Tobi so bleiben konnte. Der Brand hatte alles zunichte gemacht. Auch die besondere Verbindung zwischen ihnen war von den Flammen verzehrt worden. Das Feuer hatte ihm den Sohn geraubt. Der Schmerz packte ihn von Neuem mit einer Heftigkeit, die seinen Körper zusammenkrampfen ließ. Er schluchzte erneut auf.

Dann wachte er auf.                                                                                                                        Sein Gesicht war nass von seinen Tränen. Er sah sich um. In dem schönen neuen Schlafzimmer. Neben ihm schlief Kathrin noch tief und fest. Er musste einen Albtraum gehabt haben. Der Schmerz war noch in seiner Brust. Er atmete tief ein und aus. Der Traum hatte sich so echt angefühlt. Er sah, wie sich die Türklinke bewegte. Tobis verschmitztes Gesicht schaute herein. Als er sah, dass sein Papa wach war, schlich er sich mit übertrieben behutsamen Bewegungen in das Zimmer. Der Vater schlug die Bettdecke zurück und lud ihn ein. Mi einem kleinen Satz hüpfte Tobi ins Bett und warf sich auf ihn. Es folgte ein Ringkampf mit folterähnlichen Kitzeleinlagen. Sie lachten ausgelassen. Kathrin grunzte: Raus mit euch, wenn euch euer Leben lieb ist!“, und drehte sich auf die andere Seite. Verschwörerisch schlichen sie aus dem Zimer, um dann in wildem Geheul die Treppe herunterzustürzen, hinaus in den Garten, und von Neuem übereinander herzufallen. Nach der Rauferei sanken sie erschöpft auf den Rasen.

Der Vater legte den Arm um den Sohn und sie schauten in den Himmel. Die Anspannung in der Brust des Vaters hatte sich vollkommen gelöst. Es schauderte ihn wegen des Traumes, der so real gewesen war. Wie froh war er, dass er Tobi in seinem Arm halten durfte. Dass der Sohn so entspannt und glücklich war. Dass er immer noch der geliebte Papa sein durfte, bei dem Tobi Geborgenheit und Nähe suchte. Plötzlich hörte er die Stimme eines anderen Vaters, die direkt in sein Herz sprach: „Ich liebe dich, mein Sohn, und ich wünsche mir so sehr, dass du fröhlich und unbeschwert sein kannst. Ich sehne mich danach, dass du dich voller Vertrauen auf mich wirfst, mit mir lachst und dich in meinem Arm halten lässt. Nichts steht zwischen dir und mir. Ich habe alles gut gemacht.“

Er fühlte, wie ein starker, liebevoller Arm sich um ihn legte. Und endlich verstand er. Er verstand etwas, womit er seit Langem gerungen hatte. Die Last, die ihn so lange niedergedrückt hatte, verschwand. Der Schmerz, der seine Brust gefangen gehalten hatte, löste sich in der Tiefe und Erleichterung und Wohlbehagen strömte in ihn hinein. Er entspannte sich bis in sein Innerstes.

Die Stimme, die zu ihm gesprochen hatte, sprach weiter. Ohne Worte, und nun floss sie durch Körper, Seele und Geist, und er verstand immer mehr mit dem Herzen, was sein Verstand so lange nicht hatte verstehen können. Und seinen Sohn im Arm haltend, schmiegte er sich in die größeren Arme, ließ sich fallen, und wurde er selbst.

(Diese Geschichte habe ich vor 10 Jahren geschrieben. 2008 wurde sie in der Anthologie „Eine unerwartete Begegnung“, Gerth Medien, veröffentlicht. Einiges hätte ich heute anders formuliert oder angepackt. Das Thema „Loslassen“ hat mich wohl auch damals schon beschäftigt…)

 

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