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„Entschuldigung, ich wollte eigentlich nicht weinen.“ Diesen Satz höre ich immer wieder. In der seelsorgerlichen Begegnung, im Gespräch zu zweit oder in kleinen Gruppen. Es ist uns peinlich, wenn die Tränen so plötzlich kommen. Wir erleben das als Kontrollverlust, und wir schämen uns. Manche haben als Kind den Satz: „Indianer kennt keinen Schmerz!“ gehört, wenn sie geweint haben. Unsere Erziehung und unser Umgang mit Gefühlen ist in Deutschland auch durch die Ideologie des Nationalsozialismus geprägt worden. Ich glaube, das ist sogar mehr der Fall, als wir es oft denken. Jungs hörten auch den Satz: „Männer weinen nicht.“ Und Mädchen, die wie Jungs sein wollten, haben das auch für sich übernommen. Wer als Kind unter Kindern weinte, kennt Wörter wie „flennen“, „Heulsuse“, „Mamasöhnchen“, „Waschlappen“ und „Memme“.

Dabei ist es mit dem Weinen eine wunderbare Sache. Und wir sollten unsere Tränen ungehindert laufen lassen, wenn sie sich einstellen.

Tränen, die aus Kummer, Schmerz, Wut, Trauer und sogar aus Freude geweint werden, haben es in sich. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Tränen, welche aus emotionalen Gründen geweint werden, eine andere Zusammensetzung haben, als die normale Tränenflüssigkeit und als Tränen, die zur Reinigung des Auges dienen, oder die z.B. beim Zwiebelschneiden fließen.

Emotionale Tränen scheiden Schadstoffe aus dem Körper aus. Das, was der Körper bei emotionalem Stress an schädlichen Substanzen bildet, wird hier ausgeschwemmt. Tränen reinigen also nicht nur die Seele, sondern auch den Körper. Außerdem beinhalten emotional bedingte Tränen hormonelle Stoffe, die beruhigende und schmerzlindernde Wirkungen haben.

Wenn das so ist, dann sollten wir unseren Tränen freien Lauf lassen. Dann wäre es schade, sie zu unterdrücken. Wir sollten unsere Tränen willkommen heißen. Denn endlich können Stress und Kummer abfließen, und Körper und Seele werden dabei gereinigt. Vielleicht ist es sogar gut, wenn wir uns ab und zu Zeit dafür nehmen, zu weinen. Die wenigsten Menschen können „einfach so“ weinen, selbst wenn der Stresspegel sehr hoch ist. Was man in diesem Falle tun kann, ist es, herauszufinden, welche Filme oder welche Musik bei uns Tränen freisetzen. Und uns dann einfach Zeit zu nehmen. Es sich zu einem Zeitpunkt, zu dem sonst niemand zuhause ist, gemütlich zu machen, mit Kuscheldecke und einem heißen Tee oder einem Glas Wein. Und dann den Film zu schauen oder das Musikstück zu hören. Sich die Erlaubnis geben, nun zu weinen, in dem Wissen, dass man nun eine ganz wunderbare und kostenlose Seelsorge oder Therapiestunde hat.

Wer an Jesus glaubt, kann ihn bitten, dazu zu kommen. Wir können uns vorstellen, dass Jesus neben uns auf dem Sofa sitzt und uns den Arm um die Schulter legt. Wir können uns vorstellen, dass wir auf dem Schoß des Abba-Vater sitzen. Wir können den Heiligen Geist bitten, diese Zeit zu benutzen, uns auf etwas hinzuweisen, wo wir wund sind. Und wir können diese Dinge mit Jesus besprechen, wir können Schritte der Vergebung gehen, oder einfach erst einmal nur schauen, woher die Schmerzen kommen. Wir können unseren inneren Schmerz und Stress nachdem alle Tränen geflossen sind, in Jesu Hände legen und dies auch körperlich tun, indem wir den Stein, der auf unserem Herzen oder unserer Seele lag, an Jesus übergeben und ihn loslassen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, diese Zeit mit Jesus zusammen zu nutzen, wenn wir den Heiligen Geist bitten, die Führung zu übernehmen und uns auf diesen Prozess einlassen.

Wir brauchen auch keine Scham zu empfinden, wenn uns die Tränen im Beisammensein mit anderen Menschen kommen. Wir brauchen uns nicht unwohl fühlen, wenn plötzlich ein anderer weint.  Es ist gut, dann einfach für den anderen da zu sein. Zeit zu geben, dass die Tränen fließen können. Es ist nicht immer ratsam, Tränen sofort stoppen zu wollen. Das Beste, was wir dem Anderen in einer solchen Situation schenken können, ist Zeit. Zeit zu weinen, und dabei nicht allein zu sein. Dasein zu dürfen, in und mit dem Schmerz, der sich da Bahn bricht. In unserer Gemeinschaft. Da, wo das in Kleingruppen gelingt, erleben wir manchmal Sternstunden. Wir dürfen dabei sein, wenn tief in dem Anderen etwas Heilsames passiert. Wir kommen uns näher, weil wir plötzlich ohne Maske voreinander sein und unser Inneres zeigen dürfen. Auch die Stellen, die nicht so schön anzuschauen sind. Wir können einander helfen, Jesus in die schmerzhaften Situationen einzuladen – aber immer mit Vorsicht. Die Person sollte selbst schauen dürfen, was Jesus tut. Kein anderer darf das übernehmen, denn dann wird in der Regel zu schnell gedeckelt, was jetzt eigentlich Raum finden will. Wenn das Miteinander hier gelingt, dann können wir in der Gruppe erleben, wie Jesus uns begegnet, wie er heilt und wie behutsam er dabei ist. Manchmal fühlt sich das an, als berührten wir heiligen Boden.

 

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10 Gedanken zu “Immer her mit den Tränen

  1. Schön! Man spürt, dass Du Erfahrung in der Seelsorge hast (Ihr bietet ja tolle Sachen an- hab gerade auch den Text zum Seminar „Das innere Kind zu Jesus bringen“ gelesen). Weiterhin viel Segen für Deine Arbeit und liebe Grüße!

    1. Ja – das stimmt. Mich überkommt auch erstmal ein Schamgefühl. Mir hilft es sehr, mirzu sagen, dass das jetzt was Gutes ist. Ich sein darf. Und ich finde es heilsam, wenn in der Gemeinschaft damit liebevoll umgegangen wird. – Aber das alleine weinen ist auch gut. Gerade mit der Vorstellung, jetzt Gift rauszulassen. Liebe Grüße!

      1. Ich denke schon (zumindestens emotional), da sie für mich die Beziehung zum Vater klären. Ob die chemische Zusammensetzung anders ist kann man ja mal untersuchen.

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